Einführung

Der vorliegende Band zum Zusammenhang von Fortschritt und Risiko dokumentiert eine Tagung, die die Studiengruppe Entwicklungsprobleme der Industriegesellschaft (STEIG) e. V. aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens im Rahmen der 600-Jahr-Feier der Julius-Maximilians-Universität Würzburg veranstaltet hat. Die Tagung fand am 1. und 2. Februar 2002 im Toscana-Saal der Würzburger Residenz statt. Dem Freitagabend mit Kurzreferaten und öffentlicher Podiumsdiskussion folgte am nächsten Tag die Präsentation von Erfahrungen und Visionen von STEIG-Mitgliedern sowie ein Erfahrungs- und Ideenaustausch nach der Open-Space-Methode.

Im Vorfeld der Tagung wurde vom Gründungsmitglied Reiner Kümmel und Vorstandsvorsitzenden Markus Vogt ein Papier erstellt, das die Gedanken anregen und der Tagungsvorbereitung eine Richtung vorgeben sollte. Dieses Positionspapier wird hier mit aufgenommen und an den Anfang des Bandes gestellt. Seine Funktion war die Zuspitzung von Thesen als Anregung zur Diskussion, nicht ein ausgewogene Darstellung.

Das Thesenpapier gibt eine prägnante Einschätzung gegenwärtiger Risiken der Weltgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowie der Möglichkeiten industrieller Marktwirtschaften, mit ihnen umzugehen. Hingewiesen wird u. a. auf die Risiken der agro-industriellen Nahrungsmittelproduktion, des biotechnologischen Fortschritts, der Kernenergie, der Arbeitslosigkeit, der Einseitigkeit der New Economy, der elektronischen Medien, der Globalisierung, der Instabilität internationaler Finanzmärkte und der zunehmenden Einkommens- und Vermögensunterschiede. Der sich durchhaltende Grundgedanke ist, dass alle diese Risiken Begleiterscheinungen von Entwicklungen sind, die wir in anderer Hinsicht durchaus als Fortschritt betrachten.

Problematisiert wird also der Zusammenhang von Fortschritt und Risiko, der ein genaues Abwägen und Ausbalancieren von Risikokosten und Fortschrittsnutzen erforderlich macht. Ein solches Abwägen setzt freilich voraus, dass der technische Fortschritt kein sich blind über uns vollziehendes Schicksal, sondern ein zumindest begrenzt kontrollierbarer Vorgang ist, in den wir steuernd oder wenigstens korrigierend eingreifen können. Diese Möglichkeit setzt ihrerseits voraus, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch realisiert werden muss. Andererseits folgt aus ihr, dass wir für diesen Prozess Verantwortung zu übernehmen haben.

Den Herausgebern kam bei ihren Überlegungen zur Gestaltung des Bandes der Gedanke, dass der Zusammenhang von Fortschritt und Risiko als eine Dialektik aufzufassen sei - in dem Sinne, wie Adorno und Horkheimer den Prozess der Aufklärung als Dialektik verstanden haben. Denn jeder Fort-Schritt ist ein Schritt ins Unbekannte, der Risiken und Gefahren in sich birgt, die unter ungünstigen Umständen den Fortschritt in sein Gegenteil verkehren können. Umgekehrt machen die Risiken weitere Fort-Schritte notwendig, die wiederum neue Risiken nach sich ziehen - ein unabschließbarer und unter normalen Bedingungen irreversibler Prozess.

Was aber für den Zusammenhang von Fortschritt und Risiko gilt, trifft entsprechend auf die Übernahme von Verantwortung für diesen Prozess zu. Denn Verantwortung für neuartige technische Entwicklungen ist immer zugleich Verantwortung für deren Risiken. Diese unbegrenzt zu übernehmen ist wegen der Unüberschaubarkeit der Zukunft nicht zumutbar. Eine Ethik, die der Verantwortung keine Grenzen setzt, führt zu einer "Heuristik der Furcht", wie sie Hans Jonas vorgeschlagen hat. Diese zieht in Zweifelsfall die Unheilsprognose vor. Zu fragen ist jedoch, ob ein solches Vorgehen für die Art von Risikoabwägung, die in moderner Technologie nötig ist, entscheidungstheoretisch praktikabel ist. Wäre nicht Lähmung der Handlungsfähigkeit die Folge? Ist nicht gerade die wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Innovationsfähigkeit die wichtigste Ressource der Zukunftsverantwortung?

Die Alternative zum Konzept der unbegrenzten Verantwortung ist aber eine Ethik, die Verantwortung nicht länger nur als Aufgabe versteht, unserem Handeln Grenzen (der Verantwortbarkeit) zu setzen. Denn darüber hinaus ist Verantwortung selbst zu begrenzen, wie Markus Vogt in seinem grundlegenden Beitrag zeigt (s. u.). Andernfalls droht die Gefahr, daß Zivilisations- und Technikentwicklung ausgebremst werden, weil ihre langfristigen, entfernten und komplexen Folgen unserer sinnlichen Wahrnehmung entgehen und wir uns deshalb aus Furcht nicht mehr auf sie einlassen würden. Freilich ist damit noch nicht das Problem gelöst, wie bzw. wie stark Verantwortung zu begrenzen sei - eine Frage, mit der sich Dieter Birnbacher in seinem Statement zur Tagung auseinandersetzt.

Die Dialektik von Fortschritt und Risiko geht also in die Dialektik einer sich selbst begrenzenden Verantwortung über. Die Frage ist dann nicht mehr, ob Fortschrittsprozesse der Steuerung bzw. der Korrektur bedürfen, sondern welche Rahmenbedingungen und Interventionen es braucht, um ihre Risiken auf ein verantwortbares Maß zu reduzieren. Dieser Gedanke der begrenzten Verantwortung sowie der Notwendigkeit einer begrenzten Regulierung von Fortschritt und Risiko lag der Tagung und liegt den Beiträgen in diesem Band zugrunde.

Der Band ist so gegliedert, dass der zweite Teil die Kurzreferate und Erfahrungsberichte der Tagung enthält, während der erste Teil drei Grundlagenartikel zur Risikoproblematik (Renn/Klinke), zur Technikphilosophie (Irrgang) und zur Verantwortungsfrage (Vogt) anbietet, die das Thema der Tagung weiterführen und vertiefen.

Die Anordnung der Beiträge im ersten Teil des Bandes leitet sich aus den oben angestellten Überlegungen her. Am Anfang steht der Beitrag von Ortwin Renn und Andreas Klinke, der alle denkbaren technologischen, gesundheitlichen und natürlichen Risiken bewertet, klassifiziert und in einen umfassenden konzeptuellen Zusammenhang bringt. Nach diesem integrativen Risikokonzept lassen sich sechs Risikotypen unterscheiden, für die die Autoren klangvolle Namen wie "Kassandra" oder "Medusa" wählen. Das Konzept ermöglicht die Erarbeitung einer überschaubaren Anzahl von Managementstrategien, die dem jeweiligen Risikotypus zugeordnet sind.

Bernhard Irrgang setzt in seinem Artikel Technikentwicklung und Technikethik zueinander in bezug. In jede Bewertung von Technikfolgen geht ein normatives Moment mit ein. Technisches Handeln bedarf also der ethischen Reflexion. Irrgang weist darauf hin, dass für das Handeln unter Risiko, das technisches Handeln immer ist, erst in jüngster Zeit eigene Ansätze entwickelt werden.

Als ein solcher Ansatz kann das bereits angesprochene Konzept der begrenzenden und begrenzten Verantwortung betrachtet werden, das Markus Vogt in seinem Beitrag entwickelt. Einerseits setzt Verantwortung unserem Handeln Grenzen, indem sie manche Handlungen als verantwortungslos ausschließt. Anderseits sind der Verantwortung selbst Grenzen gesetzt, die in der Endlichkeit unserer Wahrnehmung und unserer Handlungmöglichkeiten gründen.

Die Tagungsbeiträge in Teil II dokumentieren die Tagung in ihrer lebendigen Vielfalt an Themen, Erfahrungen und Ideen. Die Statements der Podiumsdiskussion am Freitagabend reichen von so weit auseinanderliegenden Gebieten wie der Debatte Regionalisierung/Globalisierung (Göppel) und der Stabilisierung der Finanzmärkte (Goßner) bis zur intergenerationellen Verantwortung (Birnbacher) und Fragen der Bioethik (Vogt). Die Statements wurden, wie die meisten Erfahrungsberichte des Samstag, unverändert abgedruckt. Die Berichte von Köstner und Busch/ Gessenharter/ Fröchling liegen in einer nachträglich ausgearbeiteten Fassung vor. Auf sie sei hier abschließend kurz eigens eingegangen.

Barbara Köstner skizziert die Geschichte der Waldschadens- bzw. Waldökosystemforschung der letzten 20 Jahre, die ein ausgezeichnetes Beispiel für die Wechselbeziehung von Fortschritt und Risiko darstellt. Die im Bereich der Waldschadensforschung auftretenden Risiken wären nach Renn/Klinke den Typen "Pythia", "Pandora" oder "Kassandra" zuzuordnen. Köstner zeigt, wie der Fortschritt der Forschung sowohl unsere Wahrnehmung von als auch unseren Umgang mit den Waldschäden positiv verändert hat.

Busch/ Gessenharter/ Fröchling berichten über ein langfristig angelegtes Projekt, das an Hamburger Schulen durchgeführt wird. Es untersucht Wertorientierungen, Zukunftsvorstellungen und Konfliktwahrnehmungen von Schülern. Die Untersuchung belegt mit verblüffender Eindeutigkeit, dass für Schüler der Lebensgenuss den höchsten Wert darstellt. Freilich zeigt sie zugleich, dass diese Prioritätensetzung nicht im Sinne eines platten Hedonismus zu verstehen ist. Da die Jugend unsere Zukunft ist, ist diese Untersuchung ein Zeichen der Hoffnung und eine Aufforderung an jeden, auch angesichts zahlreicher und unüberschaubarer künftiger Risiken nicht zu resignieren.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Fortschritte moderner Wissenschaft die wichtigste Ressource der Zukunftsbewältigung sind, aber daß sie Richtung und Werte brauchen, die nicht aus der Wissenschaft allein heraus bestimmt werden können. Sie brauchen eine Fachdiskussion und eine öffentliche Diskussion, denn in den Grundfragen des Lebens ist jede(r) Expertin und Experte. Zu beiden Diskussionen will der vorliegende Band ein Beitrag sein.

Jan Beaufort, Edmund Gumpert, Markus Vogt

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