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Markus Vogt/ Jochen Ostheimer: Fortschrittsglaube1. Der Begriff des Fortschritts Der Begriff des F. setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: (a) Bewegung (im primären Wortsinn räumlich, dann zeitlich als Entwicklung und Veränderung) (b) Verbesserung (qualitative Steigerung, wobei der Bewertungsmaßstab entweder intrinsisch als Selbstzweck oder instrumentell verstanden wird). F. ist ein gesellschaftstheoretischer und politischer Leitbegriff für Zukunftsplanung und -steuerung. Sein logisches und ethisches Kernproblem ist die Gefahr einer Verdeckung der qualitativ wertenden durch die quantitativ beschreibenden Momente. Der Begriff des F.s hat sich im abendländischen Denken zu einer geschichtsphilosophischen Leitkategorie entwickelt, in der diverse F.e in Einzelbereichen zu einem Kollektivsingular vereint werden. So gehört die Steigerung instrumenteller Weltbeherrschung nach dem Modell "schneller, weiter, höher" zum grundlegenden Lebensgefühl und Programm moderner Gesellschaft. Freilich ist dieses durch wiederkehrende Schübe einer F.skepsis begeleitet, sei es in der Aufklärung den Malthusianismus, in der zweiten Hälfte des 19.Jh. die kritische Lebensphilosophie von Nietzsche und die Bewegung der décadence oder im 20. Jh. die durch die beiden Weltkriege sowie die ökologische Krise ausgelösten Erschütterungen des F.glaubens. Die Postmoderne lässt sich durch eine paradoxe Mischung aus gebrochenem und gesteigertem F.glauben charakterisieren, in der Ablehnung und Überhöhung von Zukunftserwartung und -planung recht unvermittelt nebeneinander stehen. Diese explosive Mischung ist eine der stärksten Wurzeln der neuen religiösen Bewegungen mit ihrer Suche nach einer Wiedergewinnung sinnstiftender Perspektiven in Symbolwelten, Zukunftsprogrammen und Naturbildern. 2. Die geschichtliche Entwicklung der Fortschrittsidee Wesentliche geistesgeschichtliche Voraussetzungen für die Entwicklung der F.sidee sind die jüdisch-christliche Konzeption eines linearen statt eines zyklischen Verlaufs der Geschichte sowie eine Kosmologie, in der Gott und Welt voneinander getrennt sind, letztere also einen Entwicklungsfreiraum besitzt. Während in antiken Konzeptionen, etwa bei Augustinus, Einheit, Sinn und F. der Geschichte nur transhistorisch, d.h. in Bezug zu dem transzendenten Subjekt der Geschichte denkbar sind, wurde in der Neuzeit der Mensch als Subjekt des F.s. verstanden. Die Akkumulation von Wissen in den Erfahrungs- bzw. Naturwissenschaften sowie die zunehmende Naturbeherrschung durch Technik ergaben eine plausible Grundlage des F.glaubens. Dieser äußerte sich mit dem emanzipatorischen Anspruch einer Befreiung des Menschen aus ökonomischen, politischen, religiösen und moralischen Zwängen. Der neuzeitliche F.glaube deutet die Zukunft als ein offenes Projekt unendlicher Progression, das auf dem Erfolg des autonomen Vernunftgebrauchs basiert und entsprechend kontrolliert und gestaltet werden muss. Sein vor allem naturwissenschaftlich, technisch und wirtschaftlich erfolgreiches F.streben lässt sich als "Säkularisierung des Heilsglaubens" verstehen, wobei offen, ist, ob man dies im Sinne eines Transzendenzverlustes negativ deutet, oder positiv im Sinne einer konsequenten lebensweltlichen Entfaltung wesentlicher Prämissen der Theologie und Philosophie seit dem ausgehenden Mittelalter (H. Blumenberg). Erst relativ spät wurde die Idee einer Teleologie aufgegeben, wozu insbesondere das Newtonsche kausal-mechanische Weltbild sowie das von Darwin formulierte Evolutionsmodell, das ohne Ursache ("Zufall und Selektion") und ohne Zielbestimmung auszukommen vermag, beigetragen haben. Im Laufe des 19. Jh.s wandelt sich das F.skonzept vom dem einer Aufklärungsidee zum Verständnis als Strukturmerkmal objektiver Geschichte, die durch Klassenkampf (Marx/Engels), Wettbewerb (Sozialdarwinismus) oder Akkumulation von positivem Wissen (Comte, Drei-Stadien-Gesetz) zum Besseren fortschreitet. F. wird zum Aktions- und Planungsbegriff mit temporaler Perspektive, der sich mit quasi religiösen Hoffnungen verbindet und in hohem Maße ideologieanfällig ist. 3. Fortschrittsoptimismus versus -kritik Die aufklärerisch-optimistische "Suche nach einer besseren Welt" (K. Popper) ging unbefangen von einem allgemeinen F. (im Singular) aus, der sich aus F.en in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Politik, Kultur und Moral zusammensetze. Dies wird inzwischen weitgehend relativiert. So hat sich beispielsweise im Bereich der Wissenschaftstheorie die These durchgesetzt, dass ihr F. nicht als lineare Akkumulation von Wissen zu verstehen ist, sondern durch Brüche und Paradigmenwechsel (Th. Kuhn) gekennzeichnet wird. F.kritische Wissenschaftler sprechen angesichts der anthropogenen Katastrophen vom homo demens (E. Morin) und von einer Involution von Vernunft und Wissenschaft (E. Oeser). Trotz der theoretischen Erschütterung geschichtsimmanenter F.svorstellungen sind die wissenschaftlich und ökonomisch leitenden Grundmodelle (post-)moderner Gesellschaft überwiegend von ungebrochenem F.glauben geprägt: Aus Mangel an einem Konsens über inhaltlich bestimmte Maßstäbe von F. wird die quantitative Steigerung von Produktivität (Wachstum) und Verfügungswissen (Information, technische Naturbeherrschung) zur strukturell unverzichtbaren Kompensation. Nach verschiedenen Experimenten zu Gesellschaftsplanung und Sozialtechnologie (wie z.B. Eugenikprogramme) bietet sich als neuestes F.sfeld die Gentechnologie, die teilweise mit dem Anspruch verbunden wird, als eine neue Art der Anthropotechnik (P. Sloterdijk) nicht nur Leid zu vermeiden, sondern auch bessere Menschen zu schaffen. Während theologische Ansätze in diesem Zusammenhang vor einer Vergötzung menschlichen Wirkens warnen und die F.sthematik auf die Sinnfrage rückbeziehen, kritisieren gesellschaftskritische und postmoderne Philosophien die Verabsolutierung der instrumentellen Vernunft und verweisen auf die "Dialektik der Aufklärung" (M. Horkheimer/Th. Adorno). Radikale Kritiker der "Technoscience" (J. Habermas) fordern mit Blick auf das "Verhängnis des F.s" (K. Löwith) die Rückkehr zu einer "natürlichen" Lebensweise, relativieren die Stellung des Menschen im kosmischen Gesamt oder sehnen sich, wie etwa in New Age-Bewegungen, in eine kosmische Geborgenheit zurück. Der Verlust des F.glaubens als eines offenen Horizontes für Sinnprojektionen setzt Energien für neue religiöse Bewegungen frei. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Modelle. So findet sich beispielsweise im Bereich der ökologischen Bewegung eine "Ökologie als Heilslehre" (Trepl), die mittels einer Einbindung des Menschen in die "gute", Geborgenheit stiftende Ordnung der Natur Sinn vermittelt und Normen generiert. Daneben gibt es eine "apokalyptische Ökologie", in der sich alle Funktionen eines geschlossenen Glaubenssystems finden: romantische Transzendenz (Natur), Ablassrituale (z.B. Recycling) und Feindbilder (Industrie). Der Mangel an differenzierten Bewertungsmaßstäben der religiös überhöhten F.erwartungen und -kritiken führt zu einer Polarisierung zwischen "Modernisten" und "Antimodernisten" als einer der fundamentalen Spaltungen gegenwärtiger Gesellschaft. 4. Fortschritt nach menschlichem Maß Es liegt auf der Hand, dass bloßes Wachstum von Wissen und Wohlsstand nicht den Gehalt des F.s (im utopischen Sinn) ausmachen kann; notwendige Maßstäbe sind vielmehr Gerechtigkeit, Freiheit und Lebensqualität auf globaler Ebene. F. braucht Maßstäbe, die ihm Richtung geben, sonst schlägt er in sein Gegenteil um, weil seine Erfolge moralisch und technisch nicht mehr bewältigt werden können. Gerade aufgeklärtes Denken muss sich auf Werte, Regeln und Grenzen verständigen, wenn es einen "F. nach menschlichem Maß" (J. Rau) ermöglichen will. Jeder F. ist mit Risiken verbunden. Diese weisen jedoch zu Beginn des 21. Jh.s teilweise eine neue Struktur und Qualität auf, die das bisherige F.konzept in Frage stellen. Aufgrund ihrer Langfristigkeit, Entferntheit und Komplexität entgehen sie oft der sinnlichen Wahrnehmung. Deshalb reagiert das natürliche "Frühwarnsystem" des Menschen unzureichend - entweder mit Panik oder mit Lethargie. Dies zeigt sich in dem teilweise höchst irrationalen Umgang mit F.en und Risiken in der öffentlichen Diskussion und in der gesellschaftlichen Praxis (z.B. hinsichtlich von Klimaveränderung oder Mobilität). Angesichts der dialektischen Dynamik von F. und Risiko als einer unhintergehbaren Vorraussetzung menschlicher und gesellschaftlicher Entwicklung bleibt nur ein Reflexionsmodell von Aufklärung und Technik (Beck, Hasted): F.streben und damit Risikobereitschaft sind unverzichtbar, da die wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Innovationsfähigkeit die wichtigste Ressource der Zukunftsfähigkeit darstellt. Eine vertiefte Aufklärung über die Bedingungen und Werte des F.s ist jedoch unverzichtbar für seine Verantwortbarkeit. Das Streben nach Verbesserung der individuellen und gesellschaftlichen Verhältnisse ist anthropologisch grundgelegt. Dabei ist F. jedoch keine Kategorie objektiver Geschichtsdeutung, sondern vielmehr eine unverzichtbare moralisch-politische Vernunftidee (Kant). Sie bedarf einer Orientierung jenseits von linearen F.svorstellungen, die den Menschen für einzelne Verbesserungen seiner Lebenssituation dynamisch motiviert und würdigt, ohne die Erfolge in der Behauptung subjektunabhängiger Wertmaßstäbe als geschichtliche Tatsache zu verabsolutieren und gegen Kritik zu immunisieren. Die Suche nach einer solchen human angemessenen Balance von F.hoffnung und F.skritik ist eine stets neue Herausforderung. 5. Fortschrittsglaube Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von F.sglauben unterscheiden: eine geschichtsimmanente und eine -transzendente Erfüllung. Letztere Version ist typisch für die großen theistischen Religionen, die das Heil allein von Gott her erwarten. Dessen ungeachtet halten sie den Menschen für befähigt und gehalten, zur Verbesserung der innerweltlichen Verhältnisse beizutragen, so dass die F.sidee auch in diesem Bereich virulent bleibt, aber relativiert wird. F. ist nur eine unvollkommene Annäherung an die Vollendung, zwischen beiden besteht ein qualitativer Unterschied. Insofern berechtigen sie zu einem relativen, nicht-utopischen F.sglauben. Christlicher F.glaube nimmt Maß an der Erfahrung von Kreuz und Auferstehung: Er hat die Struktur einer in Zuversicht verwandelten Grenzerfahrung, die nicht von dem Vertrauen in die eigenen Kräfte ausgeht, sondern vom Bewusstsein des menschlichen Scheiterns, dem als Geschenk ein neuer Anfang folgt. Die christliche Hoffnung, das "Reich Gottes", ist die absolute Zukunft Gottes, die nicht aus der Geschichte ableitbar ist, sondern ihr von Gott her entgegenkommt. Heilsgeschichte ist primär Tat Gottes, sie steht unter eschatologischem Vorbehalt. Der Versuch, F. im Sinne eines endgültigen Heils vollkommener Gesellschaft oder eines besseren Menschen herbeizuzwingen, wird zur Ideologie, die den Menschen versklavt. F. gibt es nur in kontingenter, vorläufiger und pluraler Form. An diesem mitzuwirken, gehört jedoch zum christlichen und kirchlichen Auftrag, da die Schöpfung prinzipiell gut, in die Dynamik des Heilsgeschehens eingebettet und dem Menschen als Raum von Freiheit, Gestaltung und Verantwortung aufgegeben ist. Verfallstheorien, die jede F.shoffnung ablehnen, sind nicht mit der affirmativen Haltung des christlichen Schöpfungsglaubens vereinbar. Von daher ist auch das "Prinzip Verantwortung", das Hans Jonas als Gegenmodell zum Blochschen "Prinzip Hoffnung" und damit als kritisches Gegenmodell zur neuzeitlichen F.sutopie versteht, nicht resignativ gegen den F.glauben auszuspielen, sondern im Sinne einer intelligenten Selbstbeschränkung und "Spiritualität des Maßhaltens" so zu entfalten, dass es ökologische, politische und individuelle Grenzerfahrungen als Chance von Identität, Kreativität und Selbsttranszendenz zu verarbeiten vermag. Eine solchermaßen differenzierte Zukunftshoffnung ist als kritischer Maßstab an die neuen religiösen Bewegungen anzulegen, die auf unterschiedliche Weise das Vakuum des verlorenen F.glaubens mit neuen Verheißungen oder apokalyptischen Prophezeiungen zu füllen suchen. 6. Literatur: - Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland (1964): Die Philosophie und die Frage nach dem F., hg. von Helmut Kuhn und Franz Wiedmann, München. - Beaufort; J./Gumpert, E./Vogt, M. (Hrsg.)(2003): F. und Risiko. Zur Dialektik der Verantwortung in (post-)modernen Gesellschaften (Forum für interdisziplinäre Forschung Bd. 21), Dettelbach. - Blumenberg, H. (1974): Säkularisierung und Selbstbehauptung. Frankfurt/M. - Burgen, A. u.a. (Hg.)(1997): The Idea of Progress. Berlin; New York. - Hölscher, L. (1999): Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt/M. - Kaufmann, F.-X. (1989): Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche Perspektiven, Tübingen. - Koselleck, R./Meier, C. (1975): F.. in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von O. Brunner, W. Conze und R. Koselleck, Stuttgart, Bd. 2, 351-423. - Löwith, K. (1983): Das Verhängnis des F.s. in: Sämtliche Schriften 2: Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Zur Kritik der Geschichtsphilosophie. Stuttgart, 392-410. - Mittelstraß, J. (1980): F.. in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. von dems., Mannheim, Bd. 1, 664-666. - Morin, E. (1974): Das Rätsel des Humanen. Grundfragen einer neuen Anthropologie. München. - Oeser, E. (1988): Das Abenteuer der kollektiven Vernunft. Evolution und Involution der Wissenschaft, Berlin. - Piechocki, R. (2003): Altäre des F.s und der Aufklärung im 21. Jahrhundert, in: Altner, G./ Leitschuh-Fecht, H./ Michelsen, G./ Simonis, E.U./ Weizsäcker, E.U. von (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2003, München, 11-37. - Rau, J. (2001): Wird alles gut? Für einen F. nach menschlichem Maß. "Berliner Rede" am 18. Mai 2001, hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Berlin. - Rescher, N. (1982): Wissenschaftlicher F.. Eine Studie über die Ökonomie der Forschung. Berlin; New York. - Ritter, J. (1972): F.. in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. von Joachim Ritter, Basel, Bd. 2, Sp. 1032-1059. - Sloterdijk, P. (1999): Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. Frankfurt/M. - Spaemann, R. (1981) u.a. (Hg.): F. ohne Maß? Eine Ortsbestimmung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation. München. - Winnacker, E.-L. (Hg.)(1993): F. und Gesellschaft, Stuttgart. - Wuketis, F. (1998): Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne F.. 2. Aufl., Düsseldorf Die Diskussion der Beiträge ist im Forum möglich!
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