Dr. Barbara Köstner: Kommentar zum diesjährigen Waldschadensbericht
| Alle Jahre wieder
kommt der Waldschadensbericht. Mal gibt es Entwarnung - der Wald wächst
wie nie zuvor - und dann folgt doch wieder (wie 2004) eine Hiobsbotschaft
– es sind so viele Bäume wie nie zuvor geschädigt (also mehr als
zur "Waldsterbenszeit" in den 80er Jahren).
Zwei Dinge sind zunächst zu unterscheiden: Veränderungen, die das gesamte Waldökosystem betreffen, die sehr langfristig wirken und (sichtbare) Veränderungen, die die Bäume betreffen und in wenigen Jahren wieder ausgeglichen werden können. Dass sich die Böden unserer Wälder trotz Reduktion des Schadstoffeintrages immer noch nicht oder nur sehr langsam erholen, ist für die Bäume schlecht, für uns Menschen aber auch wieder ganz gut, denn wenn die ganzen Schadstoffe auf einmal ins Grundwasser entlassen werden würden (irgendwo müssen sie ja hin), dann hätten wir ein Trinkwasserproblem. Wir sollten dem Wald daher dankbar sein, dass er das Problem seinen Bäumen zumutet und nur ganz dosiert unserem Trinkwasser! Der Waldschadensbericht bezieht sich auf den sichtbaren Zustand der Bäume, vor allem auf den Nadel- oder Blattverlust. Dieser ist nach dem Trockenjahr 2003 besonders hoch und das Wachstum der Bäume ist typischerweise nach einem Trockenjahr stark eingeschränkt, da dem Baum die Speicherstoffe fehlen. Dazu kommt, dass Bäume nach Trockenheit ihre Reservestoffe sinnigerweise vor allem für das Wurzelwachstum einsetzen, und das wird bei der Waldschadensinventur ja nicht mitbeobachtet. Dass Bäume unter Trockenheit die Blätter fallen lassen, ist eine Überlebensmaßnahme, um den Wasserverlust einzuschränken und nicht vollständig zu vertrocknen. Wenn allerdings Trockenjahre hintereinander gehäuft auftreten, dann ist die Erholungsfähigkeit besonders durch die Vorschädigung des Ökosystems (saure Böden, reduziertes Wurzelsystem) sehr gefährdet. Dies wird besonders beschleunigt durch Schädlinge, die nach milden Wintern in Massen auftreten. Wenn wir heuer wieder ein Trockenjahr und starken Borkenkäferbefall gehabt hätten, dann wäre das allerdings für die Forstwirtschaft katastrophal geworden. Die Monokultur Fichte ist bei einer Zunahme von Trockenjahren keine Option für die Zukunft! Der Massenvermehrung von Schädlingen lässt sich am besten durch Mischwälder begegnen. Durch die Klimaänderungen haben Bäume unserer Breiten heute im Durchschnitt 10 zusätzliche Wachstumstage pro Jahr, damit können sie negative Wirkungen teilweise kompensieren. Allerdings wird die Häufung von Extremen (Trockenheit, Stürme) die Dynamik der Waldentwicklung in Zukunft wesentlich bestimmen. Wer nun glaubt, von den Pressemeldungen über den Wald hin und her gerissen zu werden, der ist nicht allein: Auch die Wissenschaft ist heute leider von der Konjunktur getrieben. Bei einer europäischen Konferenz vor 3 Jahren haben wir darauf hingewiesen, dass die zukünftige Entwicklung der Kohlenstoffsenke Wald vor allem von der Wasserverfügbarkeit abhängen wird und die gleichzeitige Forschung auf diesem Gebiet nicht vernachlässigt werden sollte, sind aber auf keine Resonanz gestoßen. Jetzt komme ich gerade wieder von einer internationalen Konferenz über Kohlenstoffflüsse von Ökosystemen und man höre und staune: Wasser- und Trockenheitsforschung ist so aktuell wie nie zuvor.
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